Peter Diederichs

1923 – 1982

Texte:

Kelter – Storch – Smuda – Piel

Bilder – Skizzen – Objekte

 

Zur künstlerischen Biographie von Peter Diederichs

Peter Diederichs, geboren 1923 in Konstanz, künstlerische Anfänge in Riedheim im Hegau, darauffolgende weitere Entfaltung seines Schaffens in Konstanz, blieb diesem Lebensraum am Bodensee bis zu seinem Tod 1982 treu. Dieser Raum einer alten alemannischen Kultur war während der Zeit seines Schaffens ein Ferment, dessen Spuren in der Gegenwart er nicht unkritisch gegenüberstand.

Peter Diederichs‘ künstlerischer Werdegang war der eines Autodidakten. Statt über kunstakademische Schulung fand sein Einstieg in die Kunst in direkter Auseinandersetzung mit der Malerei des beginnenden 20. Jahrhunderts bis hin zu derjenigen der 50er Jahre statt: ausgehend von Zeichnungen zum Bereich seiner gegenständlichen Umwelt, über Bilder, in denen man die Aneignung der Abstraktionsverfahren von Kunststilen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie z.B. des Kubismus, surrealistische Anklänge bis zum „abstrakten Expressionismus“ erkennen kann.  Auf diese Weise machte Peter Diederichs für sich aus dem in Deutschland nach dem Krieg künstlerischen Brachland ein Feld für die Einübung eigener Darstellungsverfahren.

Nach dieser ersten Schaffensperiode (1950 bis 1968) kam es 1969 mit der Rückkehr an seinen Geburtsort Konstanz zu einem Umbruch künstlerischer Orientierung, die einherging mit der Entwicklung neuer Darstellungstechniken, der Erprobung neuen Materials und der Erkundung bestimmter Regionen und Objekte der griechischen Mythologie, die oft in einen grotesken Zusammenhang mit bildlichen Versatzstücken der alemannischen Fasnachtskultur gebracht werden. Mit der vom Künstler entwickelten Montagetechnik entstanden in einem kreativen Schub in der Zeit zwischen 1969  bis 1982 Bildreliefs und zuletzt Skulpturen monumentaler Mythenobjekte. Auf dieses Montageverfahren trifft am besten der zweideutige Begriff bricolage zu, mit den Bedeutungen von Basteln und Stümpern. Diese beiden Bedeutungsimplikationen rücken die Werke der Konstanzer Produktionsphase in den Bereich der individuellen Mythologien, die Harald Szeemann „als Feld subjektiver Mythenbildung mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit durch die bildnerische Formulierung“ in seinem Vorwort zur documenta 5 beschreibt. Zu den Künstlern, die Szeemann unter dem Begriff der individuellen Mythologien 1972 auf der documenta 5 ausgestellt hat, hätte auch Peter Diederichs gehört.

Manfred Smuda

Lebenslauf

1923 | Am 24. Februar in Konstanz geboren. 1940 – 1941 | Als Theatermaler am Stadttheater in Konstanz tätig. 1941 – 1944 | Krieg, Krankheit. 1944 | Freundschaft mit dem Maler Willi Müller-Hufschmid. Erste Berührungen mit moderner Malerei. 1950 | Heirat mit Theresia Presser. 1950 – 1967 | Lebt und arbeitet in Riedheim bei Singen. Es entstehen Zeichnungen, Bilder in Tempera, Öl und anderen Techniken. Bauaufträge für Mosaik- und Keramikarbeiten in Singen, Baden-Baden u. a. 1951 | Geburt von Sohn Peter Lucas. 1952 | Geburt von Tochter Felicitas. 1967 – 1969 | Zeit des Umbruchs, lebt von Malerei und Herstellung von Modeschmuck. 1968 | Ausstellung in der Universität Konstanz, gemeinsam mit Ulrike Ottinger und Fernand Teyssier. 1969 | Zweite Eheschließung mit Anna Mayer; Beginn der Arbeiten in Montagetechnik, Reliefs und Skulpturen, die „Mythologisches als Vehikel benutzen“. 1970 | Freundschaft mit Manfred Smuda bis zum Tode des Künstlers 1982. 1975 | Erste Einzelausstellung in der Galerie Dr. Luise Krohn, Konstanz. 1976 | Teilnahme am Kunstmarkt in Köln, vertreten durch die Galerie Brusberg, Hannover. 1977 | Einzelausstellung in der Galerie Brusberg, Hannover – kontinuierliche Weiterarbeit an mythologischen Objekten. 1979 | Verkauf ‘Minotaurus’ an Arturo Schwarz, Mailand. 1982 | Am 18. Februar in Konstanz gestorben. 1984 | Einzelausstellung im Kunstverein Konstanz. 1989 | Einzelausstellung in der Städtischen Galerie am Markt in Schwäbisch Hall. 1992 | Ankauf ‘Artemis’ durch das Land Baden-Württemberg. 1996 | Ausstellung im Städtischen Museum Singen. 2015 | Galerie Bagnato, Konstanz-Oberdorf.

Die 50er Jahre

Konstanz und Riedheim im Hegau

Entwurf Gartenbild, 1953, Kohlezeichnung

Entwurf Sommerbild, 1953, Gouache

Bügeleisen, 1951, Ölbild

Venedig, 1957, Ölbild

1960 – 1968

Riedheim im Hegau

Windräder, 1966, Acryl

Dreieck mit Kugeln, 1966, Acryl

Bild im Goldrahmen, 1966, Acryl

Spanien, 1966, Acryl

1969 – 1982

Konstanz

Der Konstanzer Künstler Peter Diederichs und seine mythologischen Bricolagen

Jochen Kelter, Schriftsteller
Text:1989

Die Tulengasse im ältesten Konstanzer Stadtteil Niederburg führt bis zum Rhein. Die Häuser stehen ohne Gehsteige an der Strasse, oft durch hohe Mauern untereinander verbunden, nach hinten hinaus, auf die Höfe und Gärten geöffnet. Und die ganze Gasse besitzt im Unterschied zu den übrigen Strassen dieses Altstadtbezirks einen ausgeprägt dörflichen Charakter. In einem dieser zur Strasse hin abgeschlossenen, in den letzten Jahren immer häufiger von Privatleuten gekauften und renovierten Häusern wohnt seit einigen Wochen der Künstler Peter Diederichs. Hinter der Eingangstür befindet man sich unversehens wieder im Freien und gelangt erst über ein freistehendes Stiegenhaus hinauf zum Wohnteil des kleinen Hauses.

Apotropaion, 1974 (11)

Vielleicht ist es diese neue Umgebung oder die Stimme im unverwechselbaren Konstanzer Tonfall, vielleicht der für Herbstabende am See typische Nebel, jedenfalls überfalle ich Diederichs unverzüglich mit der Frage, ob die Stadt Konstanz und die Region für ihn als Künstler wichtig seien.

Er ist überrascht, „überhaupt nicht“, kommt die Antwort, „hier bekomme ich nichts her.“ „Aber es scheint doch scharenweise Künstler in diese Region zu ziehen.“ „Es gibt zwei namhafte Konstanzer Maler“, erwidert er, „der eine wohnt in Karlsruhe, der andere in London. „Warum bist du dann hier?“ „Ich habe jetzt das Haus.“ Die Antwort ist für ihn typisch.

All die Jahre, die ich ihn kenne, haben wir eigentlich weder über Privates noch je über seine künstlerische Arbeit geredet.

Diederichs spricht nicht gerne über Zusammenhänge, er stellt sie lieber her. Und er lässt sich nicht gerne über seine Kunst aus, schon gar nicht theoretisch. „Das formulieren“, sagt er, „ist nicht meine Sache“.

Wir bleiben vor der einzigen seiner Säulen stehen, die er bislang bei sich zu Haue aufgestellt hat: „Sabazios, auf einem Widder sitzend“, und darunter „die schwangere Demeter“. Beim Gespräch über Technik und Material, über boshafte und ironische Details und die Brüste seiner Demeter wird Diederichs merklich lockerer, und seine Augen ziehen sich immer öfter zu schelmischen Schlitzen zusammen.

Im Augenblick arbeitet er an einer knienden weiblichen Figur, halb Fisch, halb Frau. „Da müssen sich die Herrschaften dann schon bücken, um es zu sehen“. Der Aufbau seiner Skulpturen ähnelt sich sehr oft: meist ist eine Säule oder ein Sockel das Grundelement, auf dem er seine mythologischen Figuren gruppiert.

Die Grundstoffe sind Holz und Polyester, daneben benutzt er verschiedene Materialien und Stoffe, Brokat etwa und Blech. Die irisierende Wirkung der Farben erzielt er durch Blattgold, Blattsilber und Aluminium. Die Fassmaler, die ehedem mit der gleichen Technik Putten bearbeiteten, bewundert er.

Pan, 1974 (9)

„Damals war das noch eine Heidenarbeit“.

Überhaupt: Diederichs ist Handwerker.

Unten in der Werkstatt fühlt er sich spürbar bei den Gegenständen seiner Kunst, erklärt er bereitwillig detaillierte Laienfragen nach Material, Technik und Arbeitsweise.

In Kartons und Kisten verpackt stehen hier unten auch Bücher und Kataloge über Mythen und Mythologie, mit ihrer Hilfe kann ich meine Ideen ausprobieren. Danach wird eine Skizze gemacht, nichts Genaues. Und möglichst bald beginnt die praktische Arbeit.

Diederichs arbeitet mit Versatzstücken. Die Löwen- und Stierköpfe, Rosetten, Füllhörner, Beine, Hände, Blumen und Köpfe, die er immer aufs neue benutzt, fertigt er einmal vor. Von diesem Original stellt er eine Form aus Silicon-Kautschuk her. Und aus dieser Form bedient er sich je nach Bedarf mit Abgüssen aus Polyester, die er sich für den jeweiligen Gebrauch zurechtlegt, variiert, zusammenbaut. Bricolage-Technik nennt sich das.

Baubo, 1975 (24)

„Nichts Neues“, sagt Diederichs. Sicher auch die Dadaisten haben schon mit Fertigteilen und Abfallprodukten der Zivilisation gearbeitet. Aber Diederichs’ Absichten zielen im Gegensatz zu ihnen nicht auf die Vernichtung der Kunst mit ästhetischen Mitteln. Er zeigt, was bildende Kunst nach seiner Ansicht heute ist: ein Schaukabinett, zusammengestellt aus den von auf uns gekommenen Überresten von zweitausend Jahre Zivilisation. Phantasmagorien aus Kunststoff, mythische Träume aus Präfabriziertem.

Diederichs schafft nichts aus einem Guss, seine Montagetechnik aus vorgefertigten Teilen ist das bestimmende Moment seiner Arbeit. 

Die aufgelesenen Materialien, die nach Vorbildern gefertigten Versatzstücke haben ihre eigene Geschichte, sind Zeugen eines untergegangenen Geschmacks und Restprodukte einer anderen Zeit. Die auf solche Art neu entstehenden Objekte haben mithin auch einen vehement nostalgischen Charakter. Zum andern haftet allen diesen Produktionen aus dem Schutt zweitausendjähriger Kultur etwas Groteskes an. Und neben dem Grotesken bleibt im Betrachter fast immer auch ein unaufhebbarer Rest, der durch die ironisch distanzierende und barocke Montage noch gesteigert wird: eine Irritation, eine Beklemmung beim Anblick mancher Figuren oder Gesichter.

Das schwarze und das rote Blut der Medusa, 1981 (33)

Das bleiche rotmäulige Puppengesicht etwa, dessen Mund in offenem Entsetzen erstarrt scheint, erweckt die Vorstellung eines Kirmes-Karussells, von dessen eisernem Sims diese Kinderfigur herabgestiegen sein mag. Oder die „Artemis, Herrin der Tiere“, geschmückt mit einem Blumenkranz, erscheint inmitten ihrer löwenköpfigen Putten und Füllhörner als Kabarettänzerin aus den Folies Bergères: goldene Schnürstiefel à la 1900 und im Mittelpunkt der Skulptur ihr verzerrtes Gesicht, das die Inkarnation des Grauens vor all dem sie umgebendem mythischen Trödel bildet.

Dies genau scheint mir Diederichs Stärke auszumachen, dass er die arrangierte Harmonie all dieses Plunders, der Flohmarkt-Accessoires und der goldgespritzten Patina so zu steigern und im entscheidenden Blickpunkt des Betrachters aufzuweisen weiß, dass das Grauen vor der Geschichte, das indes immer mit einem lustvollen Schaudern verbunden bleibt, sinnlich fassbar und fast kathartisch spürbar wird. Wir sind mit den Mythen, zu denen ja die Unfassbarkeit der Geschichte gerinnt, keineswegs versöhnt, und wir leben in der Angst vor der Geschichte, die durch den Illusionismus und das barocke Arrangement hindurch ihren bildhaften Niederschlag in den Figuren des Peter Diederichs erfährt. Spiel und Angst, Lust und Grauen sind da unauflöslich ineinander gesteigert. Nun ist Diederichs kein Apokalyptiker, im Gegenteil: seine spielerische Phantasie und die Konsequenz seiner Arrangements gipfeln ins Groteske und lustvoller Beklemmung, an den Rändern aber tobt sich die Verzierung aus. Das Ornament, die Lust an der Bastelei scheinen eine gewisse Gefahr: die Verführung zum Neckischen, nur noch Spielerisches sind unübersehbar. Manchmal hat es den Anschein, als habe es ihn Mühe gekostet, seine Arrangements zu begrenzen, sie nicht endlos weiter auszuspielen. Ich sehe mich in Diederichs’ Küche um, während er Kaffee macht: die Türen der Küchenschränke sind mit Blumen, Kränzen und Füllhörnern geschmückt, deren Figuren unten in der Werkstatt in Kartons gestapelt sind. Das Spielerisch-Groteske, der Schaubudenzauber finden vor allem auch im Bereich der Erotik und des Sexuellen Nahrung. Anspielungen dieser Art und Anzüglichkeiten finden sich fast bei jeder der Skulpturen. Das Monströse, das Unheimliche des Geschlechtlichen leuchtet knallig und bunt aus der falschen Patina hervor. Das Weibliche nimmt dabei eine Sonderstellung ein. 

Die Frau als Objekt des Sexuellen, aber auch als seine Inkarnation, als böse Verführung bildet den Mittelpunkt vieler dieser Pseudo-barocken Säulen und Arrangements. Die immer wieder gestaltete Ambivalenz der weiblichen Figuren, die als Verkörperung des Sinnlichen und Sexuellen erscheinen, gleichzeitig aber vor ihrer eigenen Ausstrahlung zurückschrecken und unter ihr zu leiden scheinen, fällt dem Betrachter unweigerlich auf. Die meisten von Diederichs’ Frauenfiguren sind sozusagen gespaltene Persönlichkeiten, ob es sich um den „Hermaphrodit“ handelt, die an Stelle des Kopfes ein eiförmiges Un-Gesicht trägt und ihre Gesichtszüge auf dem nackten Körper trägt oder um die schon erwähnte „Artemis“, deren verzerrte Gesichtszüge ausdrücklich zu ihren prallen ausgestellten Gesichtszügen kontrastieren. Sein Medium, die Skulptur und seine Technik der Montage hat Diederichs erst relativ spät gefunden, mit über vierzig. „Als Maler“, sagt er und weist auf ein an der Wand lehnendes Gemälde, „habe ich nichts zu sagen. Das ist vielleicht nicht schlecht, aber auch nicht gut“. In der Tat auf der Leinwand scheint er seine Visionen, seinen Spieltrieb und seine Montagetechnik nicht verwirklichen zu können. Die einzelnen Elemente auf dem abstrakten Bild an der Wand bleiben ohne zwingenden Zusammenhang ornamental. Diederichs, 1923 in Konstanz geboren, hat als Theatermaler begonnen, in einem Konstanzer Theater hat er dieses Handwerk erlernt. Nach dem Krieg kommt er zur Malerei. Dann führt er Bauaufträge aus, gibt diese aber zusammen mit der Malerei so um 1967 herum auf. In der Umbruchzeit, in der er beginnt, kleinere Figuren und Halbreliefs zu fertigen, ernährt er sich durch die Herstellung von Modeschmuck für Firmen in Zürich, München und Paris. Und heute? Ob er mit seiner Kunst genug verdiene, um davon leben zu können, will ich wissen. Ohne seine Frau, die durch ihren Verdienst einen entscheidenden Anteil zum monatlichen Einkommen beisteuert, ginge es wohl kaum, meint Diederichs. Das bringt uns auf die finanziellen Aspekte der Kunst, auf die Preise. Wie kommen die zustande? Und wieviel muss man für eine Skulptur von Peter Diederichs anlegen? Die Preise, erklärt er mir, werden vom Galeristen zusammen mit dem Künstler festgelegt. Eine gute Ausstellung sei unter anderem wichtig, um den Marktwert eines Künstlers auszubalancieren. Diederichs’ geltende Preise wurden anlässlich einer Ausstellung „Private Mythologien“ 1977 in der Galerie Brusberg in Hannover festgelegt.

 Zwischen zwei und vier Monaten arbeitet er an einer Skulptur, meist an verschiedenen zugleich. Mit 500 – 600 DM im Monat für Materialkosten muss er rechnen. Und ein fertiger Diederichs kostet je nach Größe zwischen DM 5.000 und 20.000. Davon kassiert der Galerist die Hälfte, wenn bei einer Ausstellung verkauft wird, andernfalls ein Drittel. Dennoch, bemerkt Diederichs, seien die seriösen Galeristen keine Ausbeuter. Ganz im Gegenteil hätten sie in vielen Fällen den verwaisten Platz des Mäzens eingenommen. Sie finanzierten ja die Künstler, indem sie deren Bilder oder Objekte für eine Ausstellung ankauften. In Diederichs’ Fall waren das insgesamt zehn Skulpturen, die in 26 Monaten entstanden sind.
Wer aber kann sich den Kauf solcher für den Normalverbraucher teuren Kunstgegenstände leisten? Private Sammler und Liebhaber zumeist. Bis die Museen anzukaufen beginnen, vergeht Zeit. Im Fall von Peter Diederichs ist es aber noch nicht soweit. Und bis dahin kann man seine Figuren auch nur sporadisch oder durch Zufall zu Gesicht bekommen, auf Ausstellung oder bei Privatleuten. Mangelnde Öffentlichkeit ist natürlich ein entscheidendes Hemmnis für alle Kunst und alle Künstler. Besonders gravierend wirkt sie sich aber für jemanden wie Diederichs aus, der große und damit teure Objekte herstellt. Nachteilig indessen auch, weil gerade seine Figuren, die die visuelle Entdeckung geradezu provozieren, ohne Betrachter eigentlich gar nicht leben. Man würde sie sich in Parks und öffentlichen Gebäuden, an unerwarteten Plätzen wünschen. „In der Kunst“, hat Diederichs einmal gesagt, „muss etwas gezeigt werden wie in einer Schaubude“. Aber was ist schon eine Schaubude ohne Publikum?

Detail, Pan, 1978 (27)

Einladungskarte, Ausstellung Galerie Dr. Luise Krohn, Innenseite

Peter Diederichs und die invidiuellen Mythologien

Maja Storch, Psychoanalytikerin und Organistin
Text: 2016

Als analytische Psychologin nach C.G. Jung kann ich mit einem Aspekt von Peter Diederichs Arbeiten besonders viel anfangen, dem Aspekt der Individuellen Mythologien. Der Schöpfer dieses Begriffs, Harald Szeemann, hatte vor, die Arbeiten von Peter Diederichs in Konstanz in Augenschein zu nehmen. Leider ist er verstorben, bevor diese Absicht in die Tat umgesetzt werden konnte. Man kann darüber spekulieren, wie die Rezeption von Peter Diederichs Werk verlaufen wäre, wenn Szeemann seine Arbeiten in seinen Kanon von Künstlerinnen und Künstlern aufgenommen hätte, die zwar völlig verschieden arbeiten, die aber in Szeemanns Sicht alle eine Gemeinsamkeit haben: Sie beschäftigen sich mit Urbildern der menschlichen Seele, so hätte C.G. Jung das ausgedrückt.

Betrachte ich als analytische Psychologin die Arbeiten von Peter Diederichs, so drängt sich mir unweigerlich der Begriff der Archetypen auf. C.G. Jung bezeichnete mit dem Begriff ’Archetypen’ Strukturelemente der menschlichen Psyche, welche die ganze Menschheit besitzt. Man kann Archetypen auch als genetisch vererbte Dispositionen bezeichnen. Aus dem Tierreich kennen wir etwas Ähnliches, hier sprechen wir allerdings von ’Instinkten’. Im Instinkt sind bestimmte Verhaltensweisen vererbt, wie zum Beispiel die Brutpflege, das Balz-, Kampf- oder Fluchtverhalten. Auch die Menschheit gibt allgemein menschliches, kollektives Wissen durch Vererbung über Generationen weiter. Allerdings haben Menschen im Unterschied zu den Tieren ein Bewusstsein, das heißt, sie können nachdenken, über sich selbst und über die Welt. Aufgrund dieser Tatsache äußerst sich bei den Menschen dieses nicht nur in Handlungsabfolgen, wie bei den Tieren, sondern auch in inneren Bildern und Träumen, in Mythen, Märchen und eben in Kunstwerken. Diesem Zusammenhang zwischen Mythos und dem Erscheinen des Mythos in der Kunst war Szeemann auf der Spur. Und er hat völlig zu Recht die Arbeiten von Peter Diederichs hier eingeordnet. 

Hand der Harpye, 1980 (31)

Peter Diederichs schöpfte viele Assoziationen aus der griechischen Mythologie. Zur gestalterischen Kraft eines Künstlers gehört aus psychoanalytischer Sicht, die Fähigkeit, das psychisch-energetische Feld der mythologischen Figuren auf sich wirken zu lassen, sich auch körperlich-affektiv diesem Feld zu überlassen und daraus das eigene, individuelle Bild entstehen zu lassen. Jede einzelne Arbeit von Peter Diederichs zeigt überdeutlich die starke Energetisierung, die der Künstler beim Arbeiten gespürt haben muss. Niemanden, der vor einer Arbeit von Diederichs steht, lässt diese Aura unberührt. Ich habe Peter Diederichs nie persönlich kennengelernt, aber ich bin sicher: Er muss ein mutiger Mann gewesen sein. Keiner setzt sich diesen Kräften aus, ohne einen Preis zu bezahlen.
Wer die Arbeiten von Diederichs kennt und deren Rezeption verfolgt hat, der weiss, dass sie jederzeit in der Lage sind, Empörung hervorzurufen. Woran liegt das? Zu dieser Frage vermag die Jung’sche Psychologie ebenfalls einen Aspekt beizusteuern. Diederichs hat aus dem Fundus der Mythologie den Archetypus mit all seinen Facetten genommen, den lieblichen und den grausamen. Das hat der Archetypus so an sich, dass er vielgestaltig daher kommt. Die Bewertung nach „gut“ und „böse“ fügt der menschliche Verstand nachträglich hinzu. Diederichs hat es vermocht, die schillernde Vielgestaltigkeit des archetypischen Mythologems in Form zu bringen. 

Die Frauengestalten sind einerseits lieblich bis zur Kitschgrenze mit Accessoires wie Rokoko-Putten, sobald das Auge sich jedoch an diese Interpretation gewöhnt hat, fallen die Schamhaare ins Blickfeld, die Strapse und die Dominastiefel, man ist nicht mehr im sakralen Umfeld sondern im Hurenhaus. Blut fliesst, fröhliches Lächeln verwandelt sich in zähnefletschendes Grinsen. Alle Arbeiten von Diederichs oszillieren permanent in dieser Form, sie geben einfach keine Ruhe!
Diederichs macht es dem Betrachter ungemütlich. Empören tun sich die, die keinen Zugang zu einem psychischen Bereich haben, den C.G. Jung den Schatten nennt. Die Archetypen werden durch das Bewusstsein bewertet und entsprechend dem kulturellen und individuellen Normensystem in gute und böse Aspekte eingeteilt. Die als gut bewerteten Aspekte bilden das, was Jung die ’persona’ nennt, die persona steht im Licht und wird der Welt gezeigt. Die als schlecht bewerteten Aspekte wandern ab in einen unbewussten psychischen Bereich, den Jung den ‘Schatten’ genannt hat. Hier, im Dunkel, im Verborgenen wohnen die üblen Dinge, sexuelle Gier, Mordlust, Rachegelüste, Wille zu Macht und Unterwerfung – ein wahres Gruselkabinett. Die Aufgabe eines Menschen, der eine reife Persönlichkeit entwickeln will, ist es, sich den eigenen Schatten anzuschauen und sich mit den Gestalten auseinanderzusetzen, die im Unbewussten hausen. Dieser Prozess ist nicht angenehm. Peter Diederichs weckt diese Anteile auf, sie springen den Betrachter an und der Betrachter empört sich im Grunde nicht über die Motive der Arbeit, sondern über sein eigenes Innenleben. Wer sich in den Bann der Individuellen Mythologien begibt, darf kein Feigling sein. Die Archetypen verfügen über zeitlose Gültigkeit, sie existieren seit Urzeiten, ihre Motive lassen sich bei allen Kulturen auf der ganzen Welt nachweisen. In dieser Hinsicht haben die Arbeiten von Diederichs Anteil an diesem zeitlos gültigen Kraftfeld, sie entfalten ihre Wirkung in vielen Jahren noch genauso, wie heute.

Iris mit Regenbogen, 1980-81 (32)

Manfred Smuda, Brief an Peter Diederichs

Müller Hufschmid, Brief an Peter Diederichs

Das schwarze und das rote Blut der Medusa, 1981 (33)

Peter Diederichs – Die Faszination der Mythen

Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung „Private Mythologie“, in der Galerie Brusberg, Hannover, 6. August 1977

Manfred Smuda, Literaturwissenschaftler

Karl Kerényi antwortet auf die Frage „Was ist
Mythologie?“ in seinem gleichnamigen Essay, dass „die Mythologie für diejenigen, die in ihr denken und durch sie sich ausdrücken, zugleich auch Lebens- und Handlungsform ist. Zwischen Denken und Leben klafft hier keine Lücke.“ Die Mythologie ist eine „Ausdrucks-, Denk- und Lebensform…sie ist keine blosse Form oder Art des Vorstellens“. Die Mythologie, von der hier die Rede ist, war eine Praxis, die im alten Griechenland in religiösen Zeremonien ausgeübt wurde, die den Menschen zugleich mit der Natur und der Welt der Götter und Dämonen verband und deren Funktion es war, Gesellschaften durch Teilhabe an einem gemeinsamen Mythos zusammenzuhalten.

Der lückenlose Zusammenhang zwischen Denken und Leben gründete in einem Glauben, das Universum verstehen zu können und es im Mythos als eine sinnvolle Totalität schöpferisch zu erfassen. Ein solcher Glaube ist uns heute ferner denn je, weil das wissenschaftliche Denken das mythische, das ein Denken in Bildern war, abgelöst und uns als Folge davon der Natur entfremdet hat. Statt Teilhabe bleibt uns also nur der Versuch des wissenschaftlichen Zugangs zum Mythos oder der nostalgische Blick auf seine uns in Erzählungen oder Abbildungen überlieferten Restbestände, in denen wir ein ehemals sinnvolles Ganzes ahnen.

Leben wir auch nicht mehr im magischen Bannkreis der mythischen Aura, so üben die Mythen als Erzählungen, „als bloße Form und Art des Vorstellens“, eine Faszination aus, auf die Mythenforscher wie Künstler immer wieder reagiert haben, um durch Interpretation, Rekonstruktion oder Umgestaltung Zugänge zu einem verlorenen oder einem neu zu begründenden mythischen Sinn möglich zu machen. Schon die frühgriechischen Mythen zeichnen sich dadurch aus, dass zu jedem Mythos je nach seinem Ursprungsort, der Zeit seines Entstehens und der Eigenart der künstlerischen Wiedergabe verschiedene Varianten ein und desselben Themas gleichzeitig nebeneinander existieren. Hinter all seinen verschiedenen Fassungen bleibt ein mythischer Kern erkennbar, eine Erzählung, die trotz ihrer vielfältigen Ausformungen als dieselbe wahrnehmbar bleibt. Dennoch gibt es so etwas wie die „wahre“ Fassung des Mythos nach Lévi-Strauss nicht, alle Fassungen gehören zu diesem Mythos.

Auf diese Sachlage reagiert Peter Diederichs mit seinen Mythenobjekten. Indem er sich auf mythische Kernbestände konzentriert, verliert er doch nicht die vielfältigen Fassungen ihrer erzählerischen Wiedergabe aus dem Blick. In seinen einzelnen Werken kombiniert er Elemente, die ursprünglich in den Variationsformen des jeweiligen mythischen Themas nebeneinander existierten, und konfrontiert sie mit Zugaben seiner eigenen schöpferischen Phantasie. Soweit steht auch Diederichs im Zusammenhang einer Tradition von schöpferischer Mytheninterpretation, die schon im alten Griechenland begann und sich über die Jahrhunderte bis in die Gegenwart fortgesetzt hat. Erst wenn man genauer hinsieht, wird deutlich, dass nicht die in seinen Werktiteln genannten Mythen Gegenstand der Auseinandersetzung und Darstellung sind, sondern ihre vielfältige Interpretiertheit.

Zu den Beständen, die aus den verschiedenen Fassungen der griechischen Mythenthemen in ein und demselben Werk kombiniert werden, gesellen sich u. a. alchemistische Interpretationen dieser Themen. Sie überlagern die griechischen Elemente und verzerren sie. Dies bewirkt auch die oft barocke Darstellungsform der griechischen Mythenfiguren als Putten, oder die Garnierung der Mythenelemente mit grotesken Figuren, die in keinerlei Zusammenhang mit diesen Elementen stehen, es sei denn, dass sie ihren einst zeremoniell-blutigen Ernst fröhlich und relativierend unterlaufen.

Diederichs arbeitet also eher mit Vorstellungen über Mythen, die sich im Lauf der Geschichte herausgebildet haben, als mit den Mythen selbst. Diese werden ihres substanziellen Charakters beraubt und ihre einstige Aura wird so zerstört. Wenn die Substanz den Mythos, wie Lévi-Strauss betont, „in der Geschichte, die darin erzählt wird“, liegt, so interessieren Diederichs vielmehr die historischen Interpretationen und Erzählweisen. Da die Mythen nicht das in der Darstellung Gemeinte sind, werden sie allenfalls zitierend zur Resonanz gebracht. Ist uns der Zugang zum Mythos durch kultische Teilhabe versperrt, so können wir ihm nur durch Wissen, in der Haltung des Mythenforscher, gegenübertreten oder seinen für uns verlorenen Sinn mit privaten Vorstellungen nostalgisch mystifizierender Art anfüllen.

Beides wurde in der Kunst der 70er Jahre unternommen, trifft aber für das Verfahren von Peter Diederichs nur in eingeschränktem Masse zu. Da seine ausgestellten Mythenobjekte alle aus den 70er Jahren stammen, liegt eine Positionsabgrenzung seines Werks den künstlerischen Tendenzen dieses Zeitraums gegenüber nahe.
Im Unterschied zu den Individuellen Mythologien, die den Bereich privater Vorstellungen zum Mythos stilisieren und den Verlust des mythischen Sinns durch eine mystifizierende Bilderwelt kompensieren, zeigt Diederichs, dass die Lücke zwischen Denken und Leben auch durch derartige Mystifikationen nicht zu kitten ist. Er entlarvt sie als Nostalgie.

Eher schon steht er der Spurensicherung nahe, die mit der Geste fingierter Wissenschaftlichkeit, mit der Attitüde des Künstlers als Ethnologen, Archäologen oder Mythenforschers arbeitet. Aber auch hier besteht der gravierende Unterschied darin, dass der privaten Dimension nicht die Bedeutung zukommt, die sie bei der Avantgarde der 70er Jahre hat. Im Gegensatz zu deren eher asketischer Bildlichkeit lässt Diederichs den Grundbestand mythischer Bildelemente mit all ihren historischen Überlagerungen, Bedeutungsverschiebungen und interpretativen Abwandlungen Revue passieren. Die Attitüde des Mythenforschers reicht bei Diederichs so weit, wie er sich diesen Bestand verfügbar macht. Indem er dessen Element neu arrangiert und in den verschiedensten Varianten kombiniert, entstehe eine Mythenpoesie mit kritischem Akzent.

Konstantinopel, Istanbul, Byzanz, 1975 (13)

Das Resultat dieses Unternehmens ist eine äusserst komplexe Bildlichkeit, die mit der Tatsache zusammenhängt, dass die mythischen Elemente nicht einfach als Rohmaterial verfügbar sind, sondern immer schon als überarbeiteter, gedeuteter Stoff. Das gleiche gilt auch für das Herstellungsmaterial, das aus Fundstücken, aus dem Trödel des 19. Jahrhunderts, aus Puppen- und Möbelteilen oder aus Abgüssen derartiger gefundener Materialien besteht. Die mythischen Elemente wie diese gefundenen Fertigteile haben den Charakter des   o b j e t   t r o u v é,  die der Fundus der Geschichte verfügbar hält.

Der Effekt der Mythenpoesie mit seiner komplexen Bildlichkeit, in der die historischen Interpretationen, Abwandlungen und Verzerrungen der Mythen vorgeführt werden, besteht darin, dass er als Rezeptionshaltung sorgfältiges Lesen erzwingt. Als Mythenforscher hat Diederichs Teil an dem Sachverhalt, dass der Mythos Erzählung ist. Auch wenn er ohne die mythische Substanz der jeweiligen Geschichte erzählt, so bleibt sein Verfahren doch in einem gewissen Umfang ein Erzählen, das gelesen werden muss. Die Mythenobjekte von Peter Diederichs lassen sich trotz ihrer augenfälligen Schönheit nicht schnell und leicht absorbieren. Wie beim Lesen eines literarischen Textes kommt der Betrachter gleichsam nur Zeile für Zeile voran. 

Baum der Hesperiden, 1979 (28)

Darüber hinaus ist der Betrachter als kritischer Leser gefordert; denn wenn der Mythos selbst nicht die Botschaft des Erzählens ist, sondern die vielen begangenen Wege seiner Kommentare, dann muss der Betrachter als Leser auf der Hut sein, damit er nicht seinerseits wieder die ihrer Substanz entleerten Mythen resubstantialisiert. Der Betrachter sollte sich als sorgfältiger Leser darüber klar werden, dass jede Festlegung der von Diederichs gelegten Spuren mannigfaltiger Deutbarkeit auf  e i n e  Deutung nur vorläufig sein kann.
Peter Diederichs hat einmal gesagt: „Ich bin der Meinung, dass in der Kunst etwas gezeigt werden muss wie in einer Schaubude.“ Hier klingt die Zurschaustellung der Mythen unter ihrem sensationellen – und das heisst, unter ihrem dem Menschen entfremdeten – Aspekt an. Zum sensationellen Aspekt der Schaubude als Jahrmarktsattraktion gehört im Zusammenhang der ausgestellten Mythenobjekte auch der doppelte Boden. Die Faszination der Mythen, die von den Werken des Peter Diederichs auf uns überspringt, besteht darin, dass die Mythen als „blosse Form oder Art des Vorstellens“ die Routine unseres Denkens und Deutens elementar zu beunruhigen vermögen.

Wilde Frau mit Seelenvogel, 1981 (34), Rückseite

Wilde Frau mit Seelenvogel, 1981 (34), Vorderseite

Peter Diederichs
Der Medusa-Komplex – Arbeit am Mythos

Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung in der Städtischen Galerie am Markt, Schwäbisch Hall, 18. November 1989

Edgar Piel, Autor und Künstler

„Es ist etwas Unerledigtes unter dem Titel des Mythos – Unerledigtes von der Art, wie es durch leichtfertige „Erledigungen“ entsteht.“ Diese Feststellung stammt von dem Münsteraner Philosoph Hans Blumenberg, der sich über die 70er Jahre hinweg intensiv mit dem Mythos beschäftigt hat. Am Ende des Jahrzehnts erschien schließlich sein großes Werk „Arbeit am Mythos“, das nach mehr als 680 Seiten zu dem Schluß kommt:“ Es gibt keine andere Modalität der Erinnerung an den Mythos als die Arbeit an ihm … Es gibt kein Ende des Mythos, obwohl es die ästhetischen Kraftakte des Zuendebringens immer wieder gibt.“
Parallel zu Blumenbergs philosophischer Arbeit am Mythos wurde auch von anderen, von Schriftstellern, Komponisten, Filmemachern und bildenden Künstlern in den siebziger Jahren intensiv am Mythos gearbeitet. Man kann an Carl Orffs Ödipus-Oper oder auch an Pasolinis filmischer Interpretation des Ödipus-Mythos denken.

Peter Diederichs hatte 1969 damit begonnen, sich künstlerisch mit dem Mythologischen auseinanderzusetzen. Das Thema hat ihn bis zu seinem frühen Tod, 1982, nicht mehr losgelaßen. Seine erste Einzelausstellung in Konstanz 1975 trug den Titel eines im Jahr zuvor entstandenen Werks: „Die Apotheose der Medusa“. In diesem Titel war das zentrale Motiv des Künstlers ausgesprochen.

Detail, Weinende Gorgo, 1972 (4)

In Manfred Smudas Kommentar wird Diederichs vorsichtig in die Nähe jener Künstler gerückt, die in den 70er Jahren mit der Attitüde des Ethnologen, Archäologen oder Mythenforschers Kunst machten. Die Attitüde des Mythenforschers reichte bei Diederichs allerdings nur so weit, wie er sich den Bestand des Mythos, den er für sein Werk nutzen will, verfügbar machte.

Dazu diente ihm u. a. auch Roschers „Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie“ aus dem letzten Jahrhundert, in dem Diederichs sich über den erzählerischen Kern der Gorgonen-Sage und über die zahlreichen Verwandlungen der Elemente dieses Mythos informierte. Wer sich intensiv auf Diederichs’s Werk einlassen will, kommt früher oder später nicht umhin, sich den klassisch-mythischen Topos der Gorgo Medusa zu vergegenwärtigen. Der Kern dieses Mythos wird im „Roschers“ mosaikartig aus den ältesten erhaltenen Fragmenten und überkommenen archaischen Bildwerken zur Gorgonen-Sage folgendermassen rekonstruiert: „Im äussersten Westen jenseits des Okeanos in der Nähe des Totenreiches und des im ewigen Frühlingsschmucke prangenden Gartens der Unsterblichen hauste einst ein entsetzliches Ungeheuer weiblichen Geschlechtes, das Kind der beiden Meergottheiten Phorkys (auch Poseidon genannt) und Keto oder der Gaia. Wegen seines furchtbaren Gebrülls hieß es Gorgo, die ’donnergleich Brüllende’. 

Diese Gorgo hatte ein entsetzliches, rundes, wuterfülltes Antlitz, eherne Locken oder Schlangen im Haar oder am Gürtel, eine plattgedrückte Nase, einen Rachen voll langer, weiss glänzender Schweinszähne und weit aufgerissene blitzende Augen. Wer dieses Antlitz anblickte oder wen die Blitze aus den Augen der Gorgo trafen, der geriet sofort in den Zustand der Erstarrung und wurde in Stein verwandelt. Die Arme der Gorgo waren von Erz; außerdem hatte sie noch gewaltige Flügel, mit denen sie rasch durch die Lüfte zu fliegen vermochte. Die Farbe ihres Körpers oder ihrer Gewandung war schwarz. Sie besaß noch zwei gleichartige unsterbliche Schwestern, die eine hiess die Starke (Stheno), die andere Weitspringerin (Euryale), sie selbst hiess Gorgo oder Medusa und war im Gegensatz zu ihren Schwestern sterblich.

Baum der Gorgonen und der heiligen Gänse, 1974-75 (16)

Weinende Gorgo, 1972 (4)

Artemis, 1975 (19)

Allen Göttern und Menschen war jenes Ungeheuer verhasst, weil sie sich vor ihm fürchteten. Nur Poseidon, der furchtbare Erderschütterer, von dem alle gewaltigen Erregungen des Meeres durch Sturm und Gewitter kommen, hatte einmal auf der blumigen Flur des Göttergartens am westlichen Okeanos neben der Gorgo geruht. Als nun jene schwanger geworden war, wurde Perseus ausgesandt, die Welt von der verderblichen Gorgo zu befreien. Er machte sich auf, gelangte glücklich an den Wohnsitz der Gorgo im äussersten Westen, fand dieselbe neben ihren Schwestern in einer Höhle schlafend und durchschnitt ihren Hals mit einem Schwerte bzw. einer Sichel. Kaum war das geschehen, so ereignete sich ein gewaltiges Wunder, denn aus dem Rumpf der getöteten Medusa entsprang sofort Chrysaor, ein Gott mit goldenem Schwerte, und Pegasos, ein Flügelross, das später dem Zeus Blitz und Donner tragen sollte. Die beiden Schwestern aber stiessen, als sie plötzlich erwachten und die Medusa getötet sahen, ein furchtbares Wut- und Jammergeschrei aus und suchten laufend und fliehend den mit Windeseile entfliehenden Perseus zu verfolgen, jedoch vergeblich.

Dieser langte nach gefährlicher Flucht glücklich wieder in seiner östlich gelegenen Heimat an und wurde fortan als Vernichter des gefährlichsten Ungeheuers gefeiert. Die furchtbaren Kräfte des Gorgonenhauptes waren nunmehr auf ihn übergegangen, den abgeschnittenen Kopf, dessen Anblick noch ferner tötete, benutzte er als wirksame Waffe gegen seine Feinde. Die Blutstropfen der Gorgo besassen die wunderbare Kraft zu heilen und zu vernichten. 

Dionysos –  Löwengestaltig, 1974-75 (18)

Später wurde das Gorgonenhaupt (Gorgoneion) das regelmässige Emblem des Schildes, welchen die Gottheiten Zeus und Athene führen; die zahlreichen Abbilder desselben aber benutzte man als Apotropaia (Schutzmittel) gegen alles Feindselige, namentlich aber gegen den ’bösen Blick’. (W.H. Roscher: Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, 1.2, Leipzig 1886-90, S. 1695ff).“ Über diese Rekonstruktion des Sagenkerns hinaus unterrichtet uns das Lexikon sowohl über die variierenden Darstellung der Gorgo/Medusa wie auch über die seinerzeit gängigen Deutungen dieses Mythos. Unklar bleibt im Blick auf das Medusa-Repertoire eines solchen Lexikons allerdings genau das, worauf Blumenberg in seinem Buch über den Mythos verwiesen hat: das Unerledigte des Mythos. Das Unerledigte des Mythos sei, so heisst es, von der Art, „wie es durch leichtfertige ’Erledigung‘ entsteht.“

Was aber ist das Unerledigte am Medusa-Mythos? Ich glaube, dass genau aus dieser Frage die Beunruhigung herrührt, von der Peter Diederichs’ Arbeit am Mythos in Gang gesetzt und vorangetrieben wurde. Arbeit am Mythos ist: Rezeption, Interpretation und Fortschreibung des Mythos. Dabei kann das Repertoire mythischer Bilder und Zeichen dazu genutzt werden, um eine Bildersprache für die unaussprechlichen Ängste der Gegenwart zu entwickeln.

Indem Diederichs die Elemente des Mythos „neu arrangiert und in den verschiedensten Variationen kombiniert“, schreibt Smuda, „entsteht eine Mythenpoesie mit kritischem Akzent.“
Im gründlich sammelnden und mit positivistischer Oberflächlichkeit deutelnden „Roscher“-Lexikon war leicht erkennbar, was „leichtfertige Erledigung“ des Mythos heisst: Alle älteren Vorstellungen von den Gorgonen seien – so steht dort – direkt auf die Anschauung der Gewitterwolke zurückführbar. Blitz und Donner seien Manifestationen der äusseren Wut und Kraft. Der Blitz, so hätten die Alten geglaubt, lasse den, der ihn anblickt, erstarren, der Donner betäube, wie das Gebrüll der Gorgo.

Dass Blitz und Donner die Menschen ehedem in Angst und Schrecken versetzten, ist richtig. Jedoch: wenn es nur das war, wenn also die Medusa-Sage nichts anderes in sich birgt als die bildhafte und erzählerische Umsetzung antiker Gewitterfurcht, hätte sich für uns die Sache spätestens mit der Erfindung des Blitzableiters im Jahre 1752 erledigt. Unverständlich wäre dann der Kult der Medusen-Schönheit, den man zu Beginn des 19. Jahrhunderts im literarischen Umkreis von Baudelaire oder Shelley beobachten kann.

Die Medusa-Faszination dieser Dichter stand unter dem tiefen Eindruck von zwei Medusen-Darstellungen, die in Florenz hingen. Caravaggios Medusenkopf, schlangenumzüngelt, bluttriefend, war für sie der Inbegriff des stummen und starren Schreckens. An dem zweiten Bild, das damals fälschlicherweise Leonardo, inzwischen aber einem unbekannten flämischen Künstler zugeschrieben wird, erschütterte das fahle Antlitz des abgetrennten Hauptes. Shelley, der das Bild 1819 in den Uffizien gesehen hatte, sprach später in einem Gedicht über das Werk von der „stürmischen Anmut des Schreckens“.

Harald Szeemann, Brief an Anna Diederichs

Portrait „Peter Diederichs“ 1949, Pinselzeichnung von Willi Müller-Hufschmid

Detail Aphrodite porne, 1973 (5)

Auf dem Hintergrund einer oberflächlichen positivistischen Deutung ist Arbeit am Mythos zunächst einmal Räumarbeit. Denn die Jahrtausende währende Irritation und der Schrecken dieses Mythos müssen wesentlich tiefer unterhalb der Oberfläche gesucht werden. Für die Dichter der französischen und englischen Romantik wurde das Medusenhaupt zum Inbegriff ihrer eigenen ästhetischen Anstrengung. Die äussersten Extremzustände des Daseins, die ihnen mit dem Verlust des christlichen Heilsglaubens unheilvoll auseinandergefallen waren, sollten in der Kunst wieder dicht zueinandergebracht und erträglich gemacht werden: Schmerz, Tod und Lust, Nacht und Tag, Verbrechen, Laster, Tugend und Heiligkeit. An den Medusenbildern, die sie in Florenz gesehen hatten oder von hinreissenden Beschreibungen her kannten, sahen sie ihre ästhetische Erfahrung vorweggenommen: dass die Schönheit gerade durch das gesteigert wird, was ihr anscheinend widerspricht, das Grausige, Schreckliche, Finstere.

In seinen Wand- und Bildobjekten „Apotropaion“ und „Medusa mit Schlange Ladon“ hat Diederichs versucht, sich diese Schreckensdimension des Medusa-Mythos zu vergegenwärtigen. Apotropaia, das waren bis in die Außenornamentik der mittelalterlichen Sakralarchitektur hineinwirkende Fratzengebilde, mit denen Dämonen und böse Geister ferngehalten werden sollten. Auch Diederichs’ Objekte entwickeln um sich herum eine Aura des Sakralen, sie wirken zum Teil wie barocke Altäre oder Reliquienschreine, die mit numinosen Symbolen und Allegorien überladen sind.

Aphrodite porne, 1973 (5)

Die Versatzstücke der griechischen Mythologie, mythische Fabelwesen, menschliche Glieder, Arme, Beine Schenkel, Geschlechtsteile, porno-erotisch drapierte Rumpfteile und obszöne Gesten sind zu „Kultsäulen“ zusammengefügt. („Aphrodite porne“ (1973), „Baum der Gorgonen“ (1974/75), „Baubo“ (1975)). Grauenvolles und drastisch Sexuelles wird in diesem Werk auf irritierende Weise wie der Kreuzestod im vergoldeten christlichen Altarbild im Ornamentalen aufgehoben. Aufgehoben, das heisst aufgegriffen, ins Ästhetische, Schöne übersetzt und der Betrachtung dargeboten.
Außerhalb eines Museums oder einer Galerie würden wir versucht sein, Diederichs’ Objektmontagen für Kulturobjekte aus dem Mysterienraum einer sexbesessenen gnostischen Liturgiegemeinschaft zu halten. Im Verlauf der Spätantike waren ja in Vorderasien zahlreiche solcher gnostischen Sekten entstanden, deren Anhänger sich aus den Versatzstücken der asiatischen Religionen, des griechisch-römischen Götterglaubens und des neu entstandenen Christentums seltsam exotische Heilslehren, Riten und Mysterien gemixt hatten. 

Die Erzeugung von Rauschzuständen, ekstatische Tänze, sexuelle Orgiastik, die vor Sperma, Blut und Tod nicht Halt machte, gehörten zu den Reinigungsriten, bei denen die Gläubigen sich kollektiv in Grenzerlebnisse hineinsteigerten. In der sexuellen Massenexstase wurde immer wieder die Überwindung des Individuums und die Vereinigung mit der omnipotenten Kreativität des Kosmos gefeiert.

Auch wenn wir wissen, dass Peter Diederichs’ Objekte nicht aus dem Zusammenhang solcher oder ähnlicher Riten stammen, wäre es falsch, die Aura des Sakralen nur als belangloses Spiel zu betrachten. In dieser Aura dürfen wir sicherlich erst einmal den Abglanz des katholisch-barocken Kulturraumes sehen, in dem der Künstler gelebt und gearbeitet hat. Sie hat für das Verständnis von Diederichs’ Werk aber noch grundsätzlichere Bedeutung. Was der Schriftsteller Elias Canetti in seiner Rede über den „Beruf des Dichters“ für die Literatur fordert, kann nämlich ohne weiteres ganz allgemein für die moderne Kunst geltend gemacht werden: Nachdem die Wissenschaft immer spezialistischer werde, alles Leben, alle Lebendigkeit durch Abstraktionen abzutöten drohe und nachdem selbst die Theologie immer mehr ihren Lebensbezug verloren habe, hätten die Künstler das Erbteil des Religiösen in ihre Obhut zu nehmen. Von der Philosophie sei ihnen die „Forderung nach Universalität der Erkenntnis“, von der Religion „die bereinigte Problematik des Todes“ und vom Leben selbst, dem puren vegetativen und animalischen, vorbewussten, triebhaften Leben die „unersättliche Gier“ zugefallen.
Die Aufforderung an den Künstler, das Erbteil des Religiösen in seine Obhut zu nehmen, macht aus ihm keinen Theologen. Vielmehr geht es darum, dem Menschen in der Kunst Ort und Raum zu bewahren, an dem seine imaginative Vitalität, seine Suchbewegung nach Lebenssinn oder sein Schmerz über dessen Verlust, seine imaginativen Ausschweifungen nicht vorzeitig von Alltagsfunktionen und Sachzwängen lahmgelegt werden. Sie geht davon aus, dass sich die mythenbildende Produktivität des Menschen nicht mit dem Übergang vom Mythos der Frühzeit zur neuzeitlichen Wissenschaft erledigt hat. 

Gesang der Sirenen, 1974 (10)

Apotropaion, 1974 (11)

Detail, Apotheose der Medusa, 1974 (7)

Der Englänger Francis Bacon hat in seinen Tryptichen „Drei Studien zu Figuren am Fusse einer Kreuzigung“ (1944) und „Kreuzigung“ (1965) gezeigt, wie dieses Erbe auch von einer radikal modernen Malerei kritisch, aber mit grösstem Ernst übernommen werden kann.
Der Mythos der Medusa: Athene, die den Perseus aussandte, um die Gorgo Medusa, das sagenhafte Ungeheuer, zu enthaupten, hat am Ende das Anlitz der Medusa als Emblem in ihren Schild übernommen. Athene wurde von den Griechen als Schutzgöttin der Weisheit und Wissenschaft verehrt. Das magisch-mythische Bewusstsein, das heimlich in uns fortwirkt, beginnt heute zu ahnen, dass Medusa mit ihrem furchtbaren Blick auch noch nach ihrer Enthauptung ihre lähmende Macht behalten hat: in ihrem Abbild auf dem Schild der Athene. Max Weber, der als Soziologe den Erfolg der wissenschaftlichen Vernuft in ihrem Beitrag zur „Entzauberung der Welt“ sah, kam schliesslich zu der Feststellung, dass sich die Wirklichkeit unter dem Einfluss dieser Vernuft in ein „stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit“ zu verwandeln droht.

Sein Stichwort von der „mechanisierten Versteinerung“ der Welt, die unter Rat und Tat der Wissenschaft sinn- und gefühllos geworden ist, klingt wie die späte Bestätigung dessen, was früh schon im archaisch-antiken Medusa-Mythos angedeuted ist.
Wahrscheinlich kann man Peter Diederichs’ Arbeit am Medusa-Mythos als den faszinierenden Versuch betrachten, der Göttin Athene (sprich: der Wissenschaft) den Kopf des Ungeheuers zu entwinden. Der Künstler hat im umzirkelten Bereich des Ästhetischen mit seinen Säulen Schutzvorkehrungen gegen den bösen Blick errichtet, der in einer Welt voll Wisschenschaft und Technik mit der Angst vor den katastrophalen Folgen lähmend auf allem liegt. Das künstlerische Verfahren, dessen sich Diederichs bedient, erinnert an Arcimboldo, der im 16. Jahrhundert neben den fortgeschrittensten Wissenschaftlern seiner Zeit, neben Kepler und Tycho Brahe, am Hof Rudolf II. in Prag arbeitete.

Sabaziosstele mit Demeter, 1975 (17)

Wie Arcimboldo seine Porträts aus unzähligen Versatzstücken aus dem Lebenskreis oder Assoziationsumfeld des Porträtierten entwickelte, den Bibliothekar aus Büchern und Lesezeichen, den Kopf des Kochs aus Gebratenem, so hat Diederichs seine Schutzbilder gegen die Abtötung unserer geistigen und emotionalen Lebendigkeit aus den archaischen Symbolen und modernen Signalen unserer Zeugungsunfähigkeit montiert.

Dass Diederichs zwei seiner „Medusa“-Werke selbst als „Apotropaia“ (dämonenabweisende Schutzfratzen) bezeichnet hat, spricht für die Berechtigung einer solchen Interpretation.
Was aber haben die Symbole des Erotischen, was haben die drastischen Zeichen des Sexuellen, von denen es in Diederichs’ Werk wimmelt, mit dem Mythos zu tun? Hat Diederichs hier nicht dem Trend zu einer modischen Sexualisierung nachgegeben, die wir seit Jahrzenten aus Illustrierten, Kino, Fernsehen und Werbung kennen? Findet hier nicht eine ärgerliche Vergewaltigung des griechischen Mythos statt?
Noch einmal die Frage nach dem Unerledigten des archaischen Medusa-Mythos: Die Dimension einer krassen Sexualität, die Diederichs in den Blick rückt, indem er die mythische Baubo z. B. als Personifizierung des weiblichen Geschlechtsorgans zeigt und dem Unterkörper der Baubo zugleich die Züge des Medusenantlitzes gibt, ist der Antike keineswegs fremd gewesen. Man kann das auf einer etruskischen Bronzetafel von 540-530 v. Chr. in der Glyptothek in München besichtigen, auf der eine scheussliche, nackt kauernde Gorgo mit gespreizten Schenkeln ihre Vagina blosslegt. Ihr riesiger Mund zeigt die grossen Schneidezähne der Medusa. Ihre ungeheure Zunge reicht bis zum Kinn.

In seinem „Baum der Gorgonen und der heiligen Gänse“ (1974/75) gewinnt das enthauptete Antlitz der Gorgo mit einem Mal männliche Züge. Ihre Enthauptung wird dabei unter dem Blickwinkel der Ängste von heute als eine erschreckende Kastrationsszene lesbar, als eine moderne mythische Inszenierung, die uns den gesamten „Medusa-Komplex“ als den gegenwärtigen Alptraum vom Verlust unserer Lebenskraft begreifbar macht.
Als Diederichs Ende der 60er Jahre mit seiner Arbeit am Mythos begann, war gleichzeitig zwischen Berkeley und Berlin ein grosses soziales Experiment im Gange, das Experiment einer sexuellen Revolution. 

Die Befreiung des Sexus sollte die Menschen nicht nur von ihren individuellen Verklemmungen, Ängsten und psychischen Verkrüppelungen frei machen, sondern die gesamte Kultur und Zivilisation verlebendigen. Es liegt auf der Hand, dass Diederichs seine künstlerische Inspiration rückhaltlos aus diesen Erfahrungen, Hoffnungen und Ängsten seiner Zeit, unserer Gegenwart, genährt hat. Der Medusa-Stoff wird ihm dabei zum Bilder- und Symbolfundus, mit dem sich diese Hoffnung auf Lebendigkeit und die panische Angst vor deren Verlust zum Ausdruck bringen lassen.

Apotheose der Medusa, 1974 (7)

Materialbestellung

Gorgo, 1975 (14)

Aber es gibt kein „Zurück zur Natur“. Niemandem dürfte das klarer sein als dem modernen Künstler unserer Tage. Das Chaos und die Gewalt, auch das Chaos und die Gewalt des rücksichtslos freigesetzten Trieblebens, mögen Anreiz und Verlockung sein und sind es für die Modernen immer wieder gewesen. Aber als letztes Ziel der Kunst fallen sie aus. Denn die Arbeit am Kunstwerk ist nicht nur ein Anarbeiten gegen die lähmenden Kräfte der Zivilisation, sondern automatisch immer auch Gestaltung, und das heisst, Widerstand gegen das Chaos. Um die provokante Mixtur aus Mythos und Sexus in Kunst zu verwandeln, musste Diederichs z. B. intensiv mit Symmetrien und Anspielungen arbeiten und unzählige Korrespondenzen schaffen zwischen all jenen Versatzstücken und Momenten, die uns auf den ersten Blick vielleicht unvereinbar erscheinen. Das dämonische und dämonenbannende Antlitz der Medusa wirkt für Diederichs wie ein Schutzschild in zwei Richtungen: gegen die Langeweile und Lähmung, die von unserem zivilisierten, geregelten Alltag ausgehen und gegen die Gefahr, in die der Künstler zu geraten droht, wenn er sich blindlings in die Gegenrichtung abwendet. In dem Zwischenraum, der so von fremden und gefährlichen Kräften freigehalten wird, entsteht auf exemplarische Weise ein Spielraum für Phantasie und geistige Vitalität.

Detail, Artemis, 1975 (19)

Baubo, 1975 (20)

Galerie Brusberg, 1977 

Wohnung Tulengasse, 1978

Gedenkstätte im Garten, Tulengasse

Inschrift des Buches:

„Du trittst zurück in den Schatten, aber etwas von Dir wird noch verweilen“

Auszug „Der Ptolemäer“ von Gottfried Benn

 

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